Vorbereitung (Planung, Organisation und Bewerbung bei der Gasthochschule)

Angefangen hat meine ERASMUS-Erfahrung im Dezember 2011, als ich anfing nachzuforschen, wie ich ein Auslandsjahr machen könnte. Da ich eine Wirtschaftsingenieurin bin, stellte sich erstmal die Frage bei wem ich mich denn bewerben kann/darf. Glücklicherweise durfte ich mich den Wirtschaftswissenschaftlern und den Ingenieuren (Elektrotechnik und Maschinenbau) bewerben. Also hatte ich die Qual der Wahl, aus knapp 20 Universitäten meine 9 Favoriten rauszusuchen. Und dann kamen noch die 12 Motivationsschreiben… Nachdem diese Hürde gemeistert war, hieß es erstmal warten.

Am 25. Januar kam dann endlich die Zusage für meine zukünftige Austauschuniversität: Das TFD sagte für Bristol zu. Nach den ersten paar Tagen Jubel wurde ich aber langsam nervös. Jetzt war ich wirklich auf dem Weg ins Ausland. Für 10 Monate weg von der Familie, weg von Hannover. Ich wohnte ja immer noch bei meinen Eltern und hatte nie außerhalb von Hannover gewohnt. Und jetzt ging es gleich auf die Insel. Wenigstens sprach ich die Sprache.
Aber es gab noch viel zu tun. Ich musste mein Learning Agreement zusammenstellen und ein Haufen digitaler Papierkram musste auch noch bewältigt werden. Also verbrachte ich meine Semesterferien und das Sommersemester vor allem damit, durch das Vorlesungsverzeichnis in Bristol zu scrollen und den International Offices in Hannover und Bristol E-Mails zu schicken.
Als dann das Learning Agreement zusammengestellt war, kam der eigentlich wichtigste Teil der Kurswahl auf: Die Anrechenbarkeit. Also schickte ich Mails an die englischen und deutschen Dozenten und versuchte, Informationen hin- und herzuleiten um Tendenzen über die Anrechnung zu bekommen.

Unterkunft

Neben der Kursfrage musste ich mich auch um den dringendsten Teil des Auslandsjahres kümmern. Meine Zimmersuche. Zuerst bewarb ich mich für die Unterkunft in Halls, Studentenwohnheime, in die die meisten der Erstsemester kamen. Leider war mir als ERASMUS-Student jedoch kein Zimmer garantiert. Also wartete und wartete ich.
Anfang September dann der Schock: Ich hatte kein Zimmer bekommen. Und das Semester fing am 1. Oktober an. Ich hatte also einen Monat Zeit, mir ein Dach über dem Kopf zu suchen. Also googlete ich mich durch das Internet auf der Suche nach einem bezahlbaren Zimmer in Bristol, bei dem mir die Kakerlaken nicht guten Morgen sagten und wo ich nicht Angst haben musste, jeden Morgen erstochen zu werden.

Meinen Flug hatte ich für Ende September gebucht und so brach ich am 28. September mit einem 23 Kilo schweren Koffer und einem bestimmt 5 Tonnen wiegenden Rucksack auf. Ein Zimmer hatte ich noch nicht, dafür hatte ich einige Wohnungsbesichtigungen und eine Nacht im Hostel reserviert.

An meinem ersten Tag hatte ich drei Besichtigungen. Und bei einem von den Zimmern gab es dann ein überglückliches „Ja“. Das Zimmer gehörte einem Ehepaar, die internationale Leute beherbergten. Insgesamt hatten sie 6 Zimmer zur Vermietung, die über den Laufe das Jahres mal mehr, mal weniger gefüllt waren. Meine Vermieter wohnten mit in dem Haus, sowie ihr ältester Sohn, und das Ganze hatte eher das Gefühl einer Gastfamilie als einer WG. Vor allem, weil Abendessen und am Wochenende Lunch zusammengegessen wurde. Zu Stoßzeiten waren wir 13 Leute, die sich um den Tisch quetschten.

Studium an der Gasthochschule

Der größte Unterschied zwischen dem Studium in England und dem in Deutschland war, dass Vorlesungen nur 50 Minuten dauerten. Eine super Sache für mich (und wahrscheinlich auch viele andere Studenten), da meine Konzentrationsfähigkeit so gut wie nie über 90 Minuten hält und ich meistens mindestens die letzte Viertelstunde in Deutschland nichts mehr mitbekomme.

Davon abgesehen wurde viel mehr praktisch gearbeitet. In 7 meiner 9 Kurse musste ich Kursarbeiten abgeben, die alle in die Note eingingen. In zwei Kursen sogar zu 50%. Also hatte ich neben zwei Vorlesungen pro Fach pro Woche im Durchschnitt 3 extra-Stunden, in denen ich im Labor saß und Versuche ausgeführt hatte. Über diese Versuche durfte ich dann pro Fach einen Bericht schreiben, der im Durchschnitt 10% meiner Note bestimmte.

Obwohl das Studium auf den ersten Blick sehr verschult klingt, wird von den Studenten viel Selbstdisziplin verlangt. Es wird selten kontrolliert ob man bei den Laboren war und auch Tutorien gibt es nicht. Es werden zwar Übungszettel und alte Klausuren ausgeteilt, aber niemand kontrolliert ob diese tatsächlich auch bearbeitet werden.

Dafür sind die Dozenten sehr viel zugänglicher. Ich hatte das Gefühl, dass die Dozenten an die Uni gekommen waren, um zu Lehren und nicht um zu Forschen. Man war zu einem Abgabetermin in London? „Kein Problem, dann gib den Bericht ab, wenn du wieder da bist.“ Der Labortermin überschneidet sich mit einer Vorlesung? „Dann lege ich den Labortermin eben um.“ Vielleicht lag es auch daran, dass jeder Dozent Tutor einer Gruppe von bis zu 6 Studenten ist. Das heißt, dass er den Studenten hilft, ihr 3rd oder 4th Year Project (im Prinzip die englische Version einer Bachelor-Arbeit) zu finden, ihnen bei Schwierigkeiten im Studium unter die Arme greift und auch sonst bei Fragen immer zur Verfügung steht.

Eine Sache, die in Hannover besser ist: In Bristol gibt es keine Mensa. Der Campus ist riesig aber kompakt und trotzdem gibt es keine offizielle Uni-Mensa. Dafür stand zur Mittagszeit ein Ciabatta- Stand in der Mitte des Campus und ein Sainsbury’s war auch in 5 Minuten zu erreichen.

Der Aufbau des Studiums (zumindest der Ingenieurswissenschaften) war auch sehr anders. Das Jahr bestand nicht aus 2 Semestern sondern aus 24 Wochen Vorlesungszeit die in 2 Teaching Blocks aufgeteilt waren und 4 Wochen Klausurenphase. Da die Klausurenphase direkt an die Vorlesungen anschloss und alle meine 9 Klausuren in den ersten 3 Wochen lagen, waren meine Osterferien entsprechend stressig. Die Klausuren waren aber alle sehr fair und kein Dozent wollte die Studenten reinreißen (anders als man es von einigen Fächern in Hannover kennt…). Meine Ergebnisse waren dementsprechend zufriedenstellend mit 5 bestandenen Klausuren von 8 geschriebenen. In einer hatte ich wegen Krankheit gefehlt.

Der Vorteil der frühen Klausuren war, dass ich schon Mitte Juni mit allen Klausuren fertig war und dementsprechend länger Ferien habe.